Dafür bin ich nicht zuständig
Während man den Gang entlang in Richtung Rezeption geht, hört man noch die Tür hinter sich zufallen. Durch das lange Warten ist man leicht gereizt, und der ernste Blick der gestressten Frau hinter dem Schreibtisch trägt zu keinerlei Erheiterung bei. Während des Versuchs, die Dame nicht anzuschreien, fragt man nach … Ihre Antwort, von allen die schlimmste, die man sich in dieser Situation vorstellen kann, fällt kurz aus: „Dafür bin ich nicht zuständig.” Während die meisten verständlicherweise mit Wut oder schlechter Laune reagiert hätten, hätte Platon wahrscheinlich genickt.
Denn Platon sagt an der Stelle 433a in Buch IV: „…dass jeder Einzelne das eine für den Staat tun müsse, wozu seine Natur am geschicktesten wäre […] das Seinige tun und sich nicht um vielerlei bekümmern, das ist die Gerechtigkeit.” Gerechtigkeit hat für ihn nichts mit Gefühlen zu tun — es ist ein System, in welchem der Handwerker fertigt und die Verwalterin verwaltet. Keine Gruppe greift dabei in die Aufgaben der anderen. Das ist Platons Verständnis der Gerechtigkeit in der Polis.
Doch sein Begriff der Gerechtigkeit greift tiefer und thematisiert die Seele des Individuums. Diese erbringt drei Leistungen: Die Vernunftseele lässt uns das Rechte erkennen, die Triebseele lässt uns begehren, bedarf aber der Klugheit, um nicht maßlos zu werden, und die Mutseele gibt uns die innere Kraft, das Erkannte auch zu tun.
Wenn jeder dieser Seelenteile nun das Seine tut, so bleibt die strukturelle Einheit der Seele gewahrt und es herrscht Gerechtigkeit.
Die Frau hat äußerlich richtig gehandelt. Sie hat das Ihre getan und sich nicht in die Aufgaben der anderen eingemischt. Doch da Platons Begriff tiefer greift, bleibt die Frage offen, ob sie auch innerlich richtig gehandelt hat, denn: „Die Gerechtigkeit […] betrifft nicht das äußere Wirken, sondern die innere Tätigkeit, die ja doch sein wahres Selbst und wahrhaft das Seinige ist.” (Platon, Politeia, 443c–e; Übers. Apelt).
Doch Hannah Arendt hätte widersprochen, und Ingo Elbe ihr wiederum. Arendt prägte für genau diesen Moment einen Begriff: die Herrschaft des Niemand. Die Idee dahinter: In der modernen Bürokratie handeln nicht Personen, sondern Strukturen. Doch Elbe beschreibt diese Anonymität als verschleierte Personalherrschaft. Das „nicht zuständig” wäre eine aktive Entscheidung gewesen, die sich hinter dieser Struktur versteckt. „Die als ‚anonyme’ Herrschaftsform bezeichnete Bürokratie ist das genaue Gegenteil der Herrschaft anonymer Strukturen — sie ist personale Herrschaft in verschleierter Form.” Hinter dem Niemand sitzt immer jemand. Die Frau am Schalter ist nicht Opfer des Apparats. Sie ist der Apparat, und sie entscheidet, es zu sein.
Beide sprechen hier also auch über die Determiniertheit der Frau am Schalter und greifen damit in ein ganz neues Kapitel der Ethik und Philosophie.
Platon beschrieb ihre äußere Handlung als richtig und fragte dann, ob das genügt. Arendt und Elbe gingen weiter: Sie fragten, wer überhaupt handelt. Der Satz klingt nach Ordnung. Aber Ordnung und Gerechtigkeit sind nicht dasselbe. Das war Platons Pointe, und sie gilt noch.