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20. Juni 2026 Philosophie & Ethik 2 Min. Lesezeit

Synoikismos in Rhodos

Im Jahr 408 v. Chr. verschmolzen drei Städte zu einer — und verloren dabei etwas, das Aristoteles 70 Jahre später in Worte fassen würde. Doch der Zusammenschluss passierte ohne Krieg oder äußere Einflüsse. Es war das Aufgeben bestehender und funktionierender Ordnungen und ein Zusammenschmelzen von Gemeinwesen, wofür die Griechen das Wort Synoikismos verwenden. Ein radikaler Verwaltungsakt, der eine enorme Bedeutung in die Geschichte von Rhodos hatte. Doch wann ist es klug, eine funktionierende Ordnung zu zerstören, um eine neue zu bauen?

Aristoteles Warnung

In seinem zweiten Buch der Politik streitet sich Aristoteles mit Platon über den Begriff der Stadt. Platons Wunschvorstellung bezog sich auf eine generelle Einheit der Stadt. Ein Leib, ein Wille, ein Gefühl. Aristoteles hingegen entgegnete ihm mit einer komplett gegensätzlichen Vorstellung. Sie sei in ihrem Wesen nach eine Vielheit. Sie besteht aus vielen Verschiedenen Leuten, aus verschiedenen, die aufeinander angewiesen sind. Laut Aristoteles erreicht eine Polis zwangsläufig immer einen Punkt, an welchem sie, durch das Vorschreiten zu einer Einheit, aufhöre. Aus der Stadt entstehe ein Haushalt, aus dem Haushalt ein Einzelner, wodurch die Stadt sich selbst verliert. Schlussendlich führe mehr Gesamtheit also nicht zwangsläufig zu Ordnung, sondern eventuell auch zu Verlust. Nach Aristoteles ist die richtige Größe einer Polis ein ausgeglichenes Spannungsverhältnis: Sie muss groß genug sein, um sich selbst zu genügen, während sie gleichzeitig klein genug sein muss, sodass die Bürger sich untereinander kennen. Der Synoikismus in Rhodos gewann Autarkie auf Kosten der Kenntnis.

Der moderne Spiegel

In Sachsen wurde 2008 die Anzahl der Landkreise verringert. Aus 22 Landkreisen wurden 10, dabei wahren etwa 3,1 Millionen Menschen betroffen. Begründet wurde das Ganze ähnlich wie vor tausenden Jahren in Rhodos: Eine größere Einheit sei leistungsfähiger und halte sich selbst stand. Auch die gegenwärtige Position argumentiert ähnlich wie einst im antiken Griechenland. Die Verwaltung rückt weg vom Bürger, Identifikation mit dem eigenen Land/Kreis schwindet. Die Bürgernähe geht verloren.

Was verloren geht

Der daraus folgende Verlust ist tiefliegend. Eine Ordnung, die man als seine bezeichnet hat, geht verloren. Aus bekannten Behörden, Namen und Gesichtern wird Anonymität. Die Verwaltung verkommt zu einer Maschinerie. Dennoch funktionierte die Fusion in Rhodos. Durch ihre gute geografische Lage wurde sie reich und mächtig. Ein Beispiel, dass Fusion gelingen kann. Aristoteles’ Punkt bleibt trotzdem bestehen: Mehr Einheit kann zu Verlust der Sache selbst führen. Es muss also nicht gefragt werden, ob fusioniert wird, sondern wo. Die Verwaltung muss sich der Opfer ihres Zusammenschlusses bewusst sein. Ein Zusammenschluss muss dem Ausgleich der Spannungen zwischen Autarkie und Kenntnis nachkommen. Erst dann bleibt beides erhalten.